Mittwoch, 12. Juni 2013

Im zweiten Moment die Empörung [Verspätet]

Liebes Internet,
ich weiß, du hast schon genug gehört. Aber die Verbalattacke auf meine Person möchte ich trotzdem nicht ohne einen kleinen Rant auf mir sitzen lassen.
Über verbale Sexismen kann ich wenigstens reden. Nicht so wie neulich. Da wurde es körperlich und war noch mal mindestens eine Dimension verstörender.

Also, heute so, ich so, joggen.
Die Sonne scheint. Ich bade mich in Sonnencreme und ziehe eine kurze Hose und - ich will halt Sonne - ein Bauchfreies Oberteil an.
Gut für mich: mir ist bewusst, dass ich das für mich mache. Ich bin nicht unterwegs, um irgendwem zu gefallen. Ich bin nicht unterwegs, um mich zu präsentieren. Ich will mich einfach nur bewegen und wohl fühlen.
Nicht so gut für mich: Das ist nicht allen bewusst.
Er wollte mich nach dem Weg fragen. Hätte sich ein bisschen Verfahren und wolle nach P.
Was kommt logischerweise als nächstes? Einfach die P. entlang, da kommt man halt nach P.
Aber davor noch so: "Sag mal, bekommst du'n Kind?"
- "Nee, wieso, ich bin einfach so." (Okay, ich hab möglicherweise das Wort "dick" gebraucht.)
- "Ahja, is' okay, is trotzdem sehr sexy."
Und über meine zu schnelle Reaktion bin ich im Nachhinein auch echt nicht stolz:
- "Danke."
Bevor ich ihm einfach weiter geradeaus schicken konnte, wo er wohl wieder wisse, wo's langgeht, musste ich ihm noch versichern, dass ich nicht mit in seine Richtung und es ihm zeigen will.
"Nee, ich muss in die andere Richtung."
Dabei, vor allem am Anfang, hat er mir ziemlich unverholen, und ziemlich ausdauernd, auf den Bauch gestarrt. Bis ich schon fast automatisch die Hände davor nahm.

Am Anfang klang es noch eher wie nach dem Weg Fragen, aber es war irgendwie dann doch 'ne Anmache. Und zwar eine ziemlich plumpe.
 Was hatten wir denn da?

1. Fat-shaming: wenn du keine Modellmaße hast, darfst du deinen Bauch nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Wenn doch, dann habe ich das Recht, dich drauf anzusprechen.
Wann spricht man wildfremde Leute in der Öffentlichkeit an? Wenn mensch selbst oder der_die andere ein Problem hat oder haben könnte: "Dein/Ihr Rucksack ist offen". "Ist das Dein/Ihr Porte-monnaie, das da grade runtergefallen ist?". "Belästigt dich/Sie diese Person?". Oder halt: "Wo geht's hier wo lang?" (Wozu brauchte er diesen Vorwand?)
Wenn sich jemand so verhält, dass es wen stört oder Regeln/Normen verletzt (die Grenze, ob das angesprochen wird oder nicht, variiert von Person zu Person): "Du siehst nicht aus wie die Mädels von der Supermodel-show und du zeigst trotzdem Bauch." Subtext: "Du bist so wenig normkonform, das ist hässlich/eklig/unakzeptabel."
wird also, wenn auch "höflich" formuliert, auf eine Stufe gestellt mit:
- nachts unter der Woche im Wohngebiet krach machen
- matischige Schuhe auf dem S-Bahnsitz ablegen
- jemanden rassistisch anpöbeln
- jemanden schlagen
- sich prügeln

2. Aberkennung von Selbstbestimmung: Weil du eine Frau bist und nicht vollständig bekleidet, hab ich Macht über dich.
Ich muss mich rechtfertigen. Warum ich einen Bauch habe ("Bist du schwanger"?).
Ich werde aufgrund körperlicher Merkmale eingeteilt, angesprochen, bewertet. Was'n Scheiß.
Dieses offensichtliche Glotzen auf alles, nur nicht meine Augen, was übrigens meine Haltung sehr schnell dahin gehend verändert hat, dass ich den Weg sagen wollte und keinen weiteren Bullshitsmalltalk machen.
"Du bist trotzdem sexy." Als ob es mich interessiert, was dem gefällt und was nicht.
"Du bist trotzdem sexy." Als ob das Kompliment sein soll. Als ob ich nichts anderes zu tun hätte, als die ganze Zeit als sexy wahrgenommen werden zu wollen. Deshalb find ich's im Nachhinein auch doof, dass ich mich auch noch bedankt habe.


Meine Reaktion hat mich ziemlich geärgert - dass ich, wenngleich auch nur ein kurzes Stück, auf den Scheiß eingegangen bin. Dass ich mich anziehe, wie ich will, ist Statement genug, ich sollte keine Validierung dafür von außen brauchen oder solchen plumpen Scheiß auch noch würdigen. Ich muss mich nicht rechtfertigen zu meinem Körper. Nicht dazu äußern, ob ich schwanger bin oder nicht. Nicht bedanken wenn mir ein Fremder sagt, er finde mich sexy. Im Gegenteil - das ist ein verbaler Eingriff in meine Intimsphäre. Würde ich ihm einfach so in den Schritt greifen, wär das schließlich auch kein gutes Kompliment. Und wenn er das denkt, tut mir jede Frau leid, die das tatsächlich macht. Ich muss nicht sagen, dass ich in die andere Richtung muss. "Nein" muss reichen. "Ich will nicht. Warum sollte ich?" muss als Argument wirken. Nicht, was leider schon mehr als einmal vorgekommen ist, wenn ich mal wieder in der U-Bahn nach meiner Nummer gefragt werde, es mit "ich habe einen Freund" begründen müssen. Kein Typ, niemand, hat per se das Recht auf meine Telefonnummer. "Nein." Muss reichen. Die Frage: "haste etwa 'nen Freund" ist für den Arsch.

Ich hab Bauch, na und? Ich hab vor 5 Monaten aufgehört zu rauchen. Ich bin nicht übergewichtig. Ich bin auch nicht schwanger. Ich bin ein sexuelles Wesen, aber das ist mir beim Joggen meistens und vor allem heute ziemlich schnuppe. Aber das geht dich, liebes Ekel von vorhin, nen Scheißdreck an. Ich hab mir angezogen, was ich mir angezogen habe und das ist allein meine Sache. Das gibt niemanden, und schon gar nicht dir, das Recht, mich anders zu behandeln. Mich als Bunny zu sehen. Mich anzugraben.

Also, ich hoffe, dass ich mich in Zukunft darin üben kann, mein Recht auf mich selbst und meinen Körper und meine Selbstbestimmung und überhaupt alles auch verbal claimen zu können.
Deshalb übe ich jetzt mal laut, wer mag, kann gerne mitüben:

"Das geht dich nichts an."
"Nein."
"Das geht Sie nichts an."
"Nein."
"Das geht dich nichts an."
"Na und?"
"Nein."
"Nein. Warum? Weil nein."
"Das geht dich überhaupt nichts an."



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