Dienstag, 23. Oktober 2012

Bücherinnenbesprechung I: Das Amerika des letzten Jahrhunderts. Harper Lee vs. Sylvia Plath.

 Vor ungefähr einem Jahr um diese Zeit habe ich mir vorgenommen, meine Privatlektüre hauptsächlich auf von Frauen verfasste Prosa zu konzentrieren. Zunächst einmal muss ich mich selbst loben: ich habe ausnahmsweise mal einen guten Vorsatz durchgehalten. Mittlerweile bin ich beim siebten Werk, und der Stapel ist noch nicht abgearbeitet. 6 Bücher in einem Jahr sind, denke ich , ungefähr normales Mittel bei mir, gleichzeitig hat sich meine Herangehensweise an Literatur, nicht zuletzt durch diese Unternehmung, auf eine höhere Stufe erhoben, die, fern von den Formelhaftigkeiten (und persönlichen Befindlichkeiten) im Deutschunterricht, der mittlerweile auch immer länger her ist, darauf bedacht ist, sofern die sprachlichen Details und der Lesegenuss nicht im Wege stehen, auf das Handwerkliche, das Dahinterblickende, die subjektive Perfektion zu achten und sich ein bisschen mehr mit den Autoren auf Augenhöhe fühlen möchte, sofern das bei mir nicht-Autor möglich ist.
Mein Unvermögen hingegen, auf den Kommentar letztes Jahr, der meine Leseankündigung mit Skepsis beäugte, nicht bis zur heutigen Nacht zu reagieren, markiert eine zu strafende Verfailung im digitalen Zeitalter. Aber dafür jetzt:
"Also den Weg würde ich nicht gehen. Nicht, weil ich Männer so unglaublich toll finde, sondern weil Talent für mich nicht ans Geschlecht gebunden ist. Was kann ich dafür, wenn meine Lieblingsautoren [...] männlich sind? Nichts." - Genau deshalb. Deine Lieblingsautoren, mein Bücherregal (vor allem der Teil mit den Pflichtlektüren aus der Schulzeit), die Reclamecke bei Dussmann, worüber man redet, wenn man im BA Deutsch rrrichtich wichtich sein will. Dass das weniger am Talent der tatsächlich veröffentlichten oder in solche Richtung ambitionierten Autorinnen liegt, ist augenscheinlich.
Ganz sicher liegt es zum großen Teil am Buchmarkt, und dessen Erwartungen, gerade an die "hohe Literatur". Und diese Erwartungen antizipieren seit jeher VerlegerInnen bzw. LektorInnen. Vielleicht ist die Zeit, in der Frauen andere Prioritäten als den steinigen und riskanten Weg des Schriftstellerdaseins einzuschlagen hatten, nicht so lange her wie ihr (demokratisches) Wahlrecht in unseren Sprachengraden.
Aber ein noch viel tieferer Gedanke, sehr tiefschürfend an die Oberfläche gelangt in einem fast schon transzendentierenden Kneipengespräch mit zwei anderen wundervollen jungen Frauen letztes Jahr, hat mich zu und von meiner Idee überzeugt: Der nach wie vor - wenn auch mittlerweile in abgeschwächter Form - dominierende Gedanke, dass Frauen weniger in diese Richtung zuzutrauen ist. Bewusst in unpersönlicher Form gesagt, denn wenn mensch genug an das Patriarchat glaubt (ich selbst bin mir bei dem Begriff nicht so sicher, zumindest nicht in seiner klassischen Semantik), um gegen es wettern zu wollen, dann möchte ich ins Bewusstsein rufen, dass es im Bewusstsein von Frauen wie Männern herrscht. Es geht nicht nur darum, dass Männer Frauen weniger als sich selbst zutrauen. Auch Frauen trauen Männern mehr zu. Genau deshalb. Fremd-Identitätsstiftung? Egal. Mir geht es gerade ums Progressive an dieser Einstellung. Ändern. In diesem Moment nur um mich selbst - ich habe dem deutschen Buchmarkt nicht explizit weiblich beautorte Bücher abgekauft, ich habe sie ausgeliehen, geliehen bekommen, oder als Mängelexemplare (wäre dieser Text ein Gedicht, so wäre dies die bitterste Metapher) erwühlt. Aus Freude an der Empfehlung und geizigem Geldbeutel, aber das ist auch für unsere Zwecke nicht so wichtig, schließlich geht es ja zunächst mal um meinen eigenen feministisch angehauchten Lesegewinn.

Aber nun zum eigentlich schönen: Bücher!
Wie erwähnt, ist mir ursprünglich "To Kill a Mockingbird" von Harper Lee in die Hände gefallen. Veröffentlicht 1960, spielt es ungefähr in den 30ern in Alabama, der Kindheit der Autorin. Es kritisiert vorwiegend den damals und dort vorherrschenden Rassismus aus der Sicht der Tochter eines idealistischen, vorbildlich menschenliebenden, verwitwerten Vaters. Es zeigt, außerhalb dieser kleinen Familie, den Whitetrash, der über die geächteten People of Colour vor Gericht gewinnt. Es zeigt, dass das Leben dieser PoC auch für die quasi-Familie nur einen Exkurs darstellte. Es beginnt langsam, mysteriös und unschuldig und hinterließ mich gerührt. Es nimmt sich Zeit, seine Leser mit ihm vertraut zu machen, um sie am Ende melancholisch und dabei literarisch gekonnt zu verabschieden.
Zwischendrin bedient es sich des Mittels des Slut-Shaming (oh ja!), was damals natürlich noch anders beurteilt wurde als heute. Denn der diesem absolut zu recht berühmten Roman zentrale Gerichtsprozess, in dem ein Schwarzer der Vergewaltigung der Tochter des prototypischen Whitetrashoberhauptes für schuldig befunden wurde, obwohl sie ihn eigentlich verführt hatte, dient in erster Linie der Rassismuskritik und nicht einer feministischen Agenda. Dass eine solche Geschichte heutzutage, zumindest in feministischen Kreisen, nicht gut wegkommen würde, ist klar und berechtigt. Aber das ist heute.
Hinzu kommt, dass die Autorin wenn, dann eher eine Vorreiterin auf dem Gebiet ist, die ihr von der Gesellschaft und dem Zufall ihres Geschlechtes erwartete Genderrolle nicht zu erfüllen. Leiderleider wurde auch gemunkelt, ihr einziger veröffentlichter Roman sei von ihrem engen Freund Truman Capote ghostgewritten. Hat sie es halt nur zu einem Buch pro Leben gebracht, ich hab auch nur eine Hausarbeit geschafft in diesem Leben. Und Capote inszenierte sich gerne selbst, wieso sollte er... aber gut, ich war nicht dabei.
Apropos Gender - die "etwas besseren Weißen" (sehr ironische Anführungszeichen) kommen auch nicht besser weg. Fast wie geschminkte Hennen, die sich gackernd selbst enttarnen, wenn sie auf dem Verurteilen herumpicken, wird die herrlich bürgerliche Teerunde der Tante subtil karikatiert. Ganz großartig, wenn auch nur aus literarischem Standpunkt heraus.
Fakt ist, dass allein schon dieses Buch beweist, dass großartige Literatur nicht am Geschlecht hängt. Dass mit dem Gender wollen wir ja eh etwas lockerer sehen, nicht? ;)

Leider gar nicht erfreut hat mich hingegen "The Bell Jar" von Sylvia Plath. Ich fand es ziemlich deprimierend und konnte dem Roman auch sonst nicht viel abgewinnen. Es war Winter und ich habe mich beeilt, es fertig zu lesen, um es aus meinem Kopf zu bekommen.
Ebenfalls, dazu noch stärker (but then, das sind so viele neuere) autobiographisch angelegt, schildert es den Spießrutenlauf der jungen Erzählerin, die depressiv wird und durch das überhaupt nicht menschenfreundliche Psychatriesystem der 50er in den USA und ihre schließliche Emanzipation, vorrangig aus den Abgründen ihres eigenen Nichts. Meines Wissens nach ist dieses Werk kein Vorreiter in der Kritik der Schocktherapie, dass Plath sonst Poetin war, hab ich auch nicht finden können, eigentlich, beachtet man das Ende ihrer Bio, überzeugt nicht mal, dass sie sich von der psychischen Depression überhaupt emanzipiert. Nur der Ansatz sexueller Selbstbestimmung ist erwähnenswert, zumindest wird klar, dass Sex und Verhütung für die Protagonistin eine wichtige Rolle spielen. Ich bin geneigt, mein Unverständnis dafür auf mein junges Alter zu schieben - für ein 1963 veröffentlichtes Buch könnte das sogar schon gewagt sein, stammt es doch aus der Pionierzeit so vieler Annehmlichkeiten, die uns heutzutage selbstverständlich erscheinen.
Nun könnte man argumentieren, dass der weitestgehend deskriptive Erzählstil den Leidenschaftsmangel der Erzählerin widerspiegelt. Wenn dem so ist, dann tut er das in einer anderen Sprache (=sozio-kulturell genormte Zeichenkonvention) als derer, die ich verstehe.

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