Vor einiger Zeit hab ich mal ein Buch gelesen, das damit begann, dass sich ein paar alte Griechen fragten, wie oft man denn diesen Steinhaufen teilen könne, bis es nicht mehr ginge. Danach folgte ein populärverträglicher Abriss über den mehr oder weniger aktuellen Stand der Teilchenphysik. Ganz am Ende wies der Autor darauf hin, dass alles vor vielen hundert Jahren damit anfing, dass sich ein paar Griechen vor einem Steinhaufen gewundert hatten. Der letzte Satz, sinngemäß: "Und das kann man erreichen, wenn man die richtigen Fragen stellt"
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Vor kurzem dann bin ich auf eine sehr interessante Seite gestoßen, eine Auflistung von Privilegien, und dazu teilweise Links, die diese Privilegien erklären. Einige waren wunderlich (und evtl. ein bisschen unpassend für deutsche Verhältnisse), wie zum Beispiel "christlich, überraschend tiefgründig ("geborener US-Bürger"), oder, nebst wundervoll gedanklich neuländigen Punkten, "neurotypisch". Dort heißt es:
The statement that privilege exists is not an accusation or attempt to blame. It is an
invitation to see your experiences and the experiences of others in a new light. It is not an
admonition to change the world, but a simple tool with which to begin considering if, possibly,
some changes might be worth working toward.
Das Merkmal "männlich" steht in dieser Auflistung (natürlich?) (noch) ganz weit oben. Kein Wunder also, dass sich die Feminist-Atempause-innen, also diese Kampflesben mit eklichen Achselhaaren, die gegen Männer wettern, die Pornos mögen, auf das Thema stürzen wie auf reduzierte Tampons bei Rossmann.
*räusper*
Nein, ein gut geführter, zeitgemäßer, feministischer Diskurs besteht für mich eher daraus, beim Aufzeigen von Problemen sich auch an die eigene Nase fassen zu können. Der erste Schritt ist, sich bewusst zu werden, was falsch sein könnte und warum. Die Tatsache, dass ich 20 Jahre lang nicht gemerkt habe, wie sinnlos die Unterteilung von Toiletten nach Geschlecht im öffentlichen Raum ist (in der Kabine sieht doch eh niemand deine Geschlechtsteile), zeigt, dass das nicht immer so einfach ist. Und dann vielleicht danach leben. Mit dem Hintergrund, dass es nicht darum geht, pubertär rumzumeckern, sondern sich das vor Augen zu halten, was uns die menschliche Intuition gebietet: wie wir alle glücklicher werden (die wundervolle Bloggerin hinter der Pervocracy betont das immer wieder). So gesehen ist der Begriff Feminismus nur ein überliefertes Coversymbol für den neuen Humanismus. Oder irgendein Konzept, der Freude schöner Götterfunken, das noch keinen historisch belegten Namen trägt.
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Apropos historisch: So viele Sachen in unserer Kultur sind historisch gewachsen. Das sich bewusst zu machen und in die Überlegung miteinzubeziehen, ist wichtig. Wir kommen nicht in einem Semester vom Steinhaufen ins CERN, nicht, wenn das noch keiner vor uns gedacht hat. Die Weitergabe von Wissen, Kultur, Technologie ist der Grund, warum wir Kleidung tragen, nicht auf Bäumen leben und neben die Feuerstelle kacken. Dafür haben wir die Kapazitäten, uns im Alltag darüber Gedanken zu machen, was heute erforscht und welche festgefahrenen Ideen überdacht werden müssen (liebe Katholiken, es gibt Kondome - don't even get me started on this). Dafür ist es unsere Verantwortung, nicht das Rad neu zu erfinden, sondern aufzupassen, dass aus dem Experiment mit der Goldfolie kein Hiroshima wird.
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Und ja, es geht hier auch um mich persönlich. Man hat mir zugetraut, durch Introspektion und genug Zeit die bösen Geister austreiben zu können. Aber gerade diese Introspektion ist so fragil und schwierig, und das allerletzte, was man in jedwedem Bildungssystem lernt. Die steht nirgendwo auf dem Lehrplan. Da läuft man auch nach 6 (=offiziell genug) Semestern heulend und rauchend die Straße entlang, in Gedanken versunken, schwach ob all der anliegenden Arbeit. Und immer wieder denkend: 42. Die Antwort ist nicht schwer, wenn man die richtigen Fragen stellt. Die Antwort ist nicht das, was dir dein emotionales Gedächtnis auf dem Silbertablett serviert, wenn du den Weg selbst gegangen bist. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen. Ob nach dem Ursprung der Dinge, den Annehmlichkeiten der Zivilisation, die sich aus diesem Wissen bauen lassen, oder dem selbst hervorexorziertem Seelenheil.
πανθα ῥει. Alles fließt.
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