Szusza hieß die Sekretärin, der es nie an einem Spruch mangelte, als ich an ihr vorbei ging. Zuerst muss ich wohl verdutzt geguckt haben, die Wörter in meinem Kopf übersetzen, den Punkt, der nicht stimmen konnte, zur Ironie schieben, alles verarbeiten - und schüchtern gegrinst haben, mit roten Wangen in den Keller, um ich weiß nicht mehr wie viele Ecken und dann der Raum, klein, niedrig, mit einem Klavier und zwei Kontrabässen drin. Den Rest füllte Laures Präsenz aus. Ich packte meinen Bogen aus, spannte ihn, kramte in einem Ordner nach Noten. Die Töne traf ich immer gut, ging noch mal drüber und noch mal, ja, so hört sich eine Quinte an.
"Und, wie läuft es bisher?"
"Es geht, aber es will nicht laufen..."
"Dann lass doch mal sehen!"
Sie reichte mir den frisch gestimmten Bass, ich guckte noch mal gewohnheitsmäßig auf das Blatt, das ich natürlich schon fast auswendig konnte, griff, strich, korrigierte, nächster Ton, hielt inne... "Was ist?" fragte Laure, "Ich bin mir nicht sicher, ob er die richtige Höhe hat." - "Dann hör hin und bestimme es selbst."
Alle Töne waren sauber. Geduldig zählte sie mit, damit ich auch den Takt halten könnte. Dann klopfte sie mit. Dann spielte sie es mir selbst vor. Spielte mit. Ließ keine Atempause zu. Und ich verabschiedete mich vom Stocken, und spielte auch die Achtelnoten miteinander anstatt nur nebeneinander. Dann spielte ich es ganz durch. Ich glaubte es geschafft zu haben, das erste Mal. Ich blickte sie an, nicht sonderlich groß, kurze Haare, zarte, weiche, bis in jeden Winkel perfekt komponierte Hände, spitz zulaufende Augen, die einen an die Wand und eine klar tanzende Stimme, die das doremifasollasiut für immer in mein Ohr nagelten.
"Dieses Instrument ist mehr als Holz und Leim und Metall, es ist ein Kunstwerk, aber zu höherem berufen. Und diese Etüde ist nicht die richtige Geschwindigkeit. Diese Etüde ist Musik."
Und nochmal, und schneller, und langsamer diesen einen Takt wiederholen bis meine linke den richtigen Millimeter trifft, und betonen, mehr betonen, nein richtig, und weiter spielen, ichwillnichtaufhören -
Und die Zeit war theoretisch wieder da. Ich strahlte noch. Ich brauchte das Blatt nicht mehr, ich hatte alles in mir. Ich glühte, sagte der Frau, der es nie an einem Spruch mangelte, freudig bonne soirée (Ihre Figur hatte sich längst von dem kurzen Ledermini und dem fast schon unanständigen Ausschnitt entfremdet, ihre rauchige Stimme musste von echtem Rauchen herrühren, ihre Haare dagegen sahen käuflich aus. Jeder mochte sie.) und ging auch nur, weil die Beine das irgendwie mal gelernt haben müssen, raus, auf den Vorplatz, auf den Bürgersteig. Cette étude, c'est pas la bonne vitesse. Cette étude, c'est de la musique. Hey, das ist Französisch! Richtig, und dieser Stadt zünden Leute Autos an, wenn sie das Mädchen mit dem Akzent nicht bemerken. Ich. Hier. Jetzt. Zünde nichts an. Ich spiele. Et Laure, elle m'a montre ce que c'est, jouer.
Anne, das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte. Besonders gut ist die Formulierung "Ihre Figur hatte sich längst von dem kurzen Ledermini und dem fast schon unanständigen Ausschnitt entfremdet".
AntwortenLöschenVielen Dank! Zufällig bin ich über genau diese Formulierung auch am glücklichsten.
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